REICHENSCHWAND – Am Ende war der Park des Reichenschwander Schlosses „High on emotion“: Der irische Sänger Chris de Burgh versetzte mit seinem musikalischen Können, seiner mitreißenden Natürlichkeit und seinen sympathischen Deutsch-Versuchen eingefleischte Fans wie neugierige Zuhörer in emotionale Hochstimmung.
Am frühen Nachmittag wabern Musikfetzen von Totos „Africa“ durch das Dorf. Der Wind trägt erste Eindrücke von Band, Programm und der unverkennbaren Stimme von Chris de Burgh mit sich. Das macht Lust auf mehr. Die meisten Besucher hören davon noch nichts, denn sie strömen erst später aus dem ganzen Umland nach Reichenschwand.
Schon der Weg zum Auftrittsort verleiht dem Abend ein besonderes Flair: Hunderte flanieren durch die Allee auf das neugotische Schloss zu, in dessen Park das Konzert steigt. Viele der bunt gemischten Konzertgänger haben sich schick gemacht, nur wenige tragen ihr Fan-Sein per T-Shirt zur Schau. Mitsingen können sie später aber alle. Und dann kommt er: Fast ein wenig unscheinbar wirkt der irische Weltstar, als er in schlichter Hose und Blousonjacke in gedämpften Farben auf das riesige Podium tritt. Aber mit seiner unverwechselbaren Stimme füllt er vom ersten Moment an Bühnendom und Park aus, seine Präsenz ist unüberhörbar. Im Gitarrenköfferchen hat de Burgh diesmal nicht nur seine eigenen Stücke, sondern auch Lieder, die ihn in seiner musikalischen Entwicklung prägten.
Gefühlvoll interpretiert der Ire „Long and winding road“ von den Beatles oder schafft echtes Gänsehautfeeling bei Mariah Careys „I can’t live“. Seine exzellente Band mit Al Vosper (Gitarre), David Levy (Bass), Nigel Hopkins (Keyboard) und Tony Kiley (Drums) bildet einen ausgewogenen Rahmen für die klare Kopfstimme von de Burgh. Es sind Coversongs, aber der bodenständige Sänger, der gerne Geschichten vom Glühweintrinken auf dem Nürnberger Weihnachtsmarkt zum Besten gibt, verleiht ihnen mit Leichtigkeit seine ureigene Note, mal sanft, mal rockig. Immer wieder brandet Zwischenapplaus auf.
Für ein erstes Highlight sorgt der energiegeladene 61-Jährige, der bei Rockpassagen ungeniert über die Bühne hüpft, mit seinen Deutschkenntnissen: Die Worte „Bier“ und „Toiletten“ kommen ihm leicht über die Lippen, Reichenschwand dagegen ist eher ein Zungenbrecher. Der Vollprofi im kurzlebigen Musikgeschäft weiß, wann ein Witz passt, wie er sein Publikum zum Klatschen und Singen bringt, es in die dezent gehaltene, aber stimmungsvolle Show einbindet.
Neben de Burghs Stimme setzen genau abgestimmte Lichteffekte Akzente: Feuer illustriert die rockige „Revolution“, eine russische Flagge ein Lied über Wodka. Passend dazu steht plötzlich ein Diener mit dem hochprozentigen „Wässerchen“ auf der Bühne. De Burgh versteht es, die Spannung im Publikum hochzuhalten und Emotionen zum Höhepunkt des Konzerts herauszulassen. Denn alle warten auf seine größten Hits. Vorher zeigt der Sänger noch die Vielfalt seiner Musik. Ob eine mit Jazz angehauchte Nummer oder eine Ballade mit Gitarre – bei ihm klingt alles wunderbar. Dass der Ire mit seiner Musik auch Botschaften vermitteln will, unterstreicht sein neues, eindringliches Stück „People of the world“. Es ist der jungen Iranerin Neda gewidmet, die 2009 bei einer Demonstration ums Leben kam.
Gefühlvolle Töne schlägt de Burgh auch bei „Lady in red“ an. Jetzt sind die Dämme gebrochen. Pärchen liegen sich verträumt in den Armen, es darf getanzt werden. Spätestens bei „Don’t pay the ferryman“ hält es keinen mehr auf den Sitzen. Die Kälte wird einfach weggetanzt. Aus vollem Herzen schmettert das Publikum „High on emotion“ und lässt seiner Begeisterung freien Lauf. Als de Burgh bei den Zugaben erneut eine Runde durch die Reihen dreht, können einige ihr Glück kaum fassen: „Er hat meine Hand geschüttelt!“ Berührungsängste sind dem Weltstar fremd. Das macht das Konzert zu einer perfekten, aber sympathischen Inszenierung eines tollen Künstlers und zu einem einmaligen Musikgenuss.
Andrea Pitsch
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