Zurück vom Abenteuer unter Strom

HERSBRUCK/GARDASEE ­– Anfangs wurden sie belächelt, ganz nach dem Motto: „Schauen wir mal, ob die mit ihrem kleinen Liegedreirad über die Alpen kommen.“ Nach vier Tagen, Sonderprüfungen und rund 560 Kilometern bei der ersten Elektro-Auto-Rallye „e-miglia“ von München nach Rovereto am Gardasee wurden Michael Wenzl, Jürgen Putzer und ihr knalloranges Twike von allen Seiten bestaunt.

„Am Anfang hat uns wirklich keiner zugetraut, dass wir bis ins Ziel kommen“, erzählt Jürgen Putzer von den schönen Rallyetagen. Kein Wunder, denn die Konkurrenz bestand unter anderem aus Tesla-Rennwägen für rund 80 000 Euro mit einer Reichweite von knapp 400 Kilometern. Sie waren nur eines der 25 völlig unterschiedlichen Fahrzeug-Konzepten, darunter klassische Umbauten wie ein auf Elektro getrimmter Smart oder Einzelkämpfer wie ein Truck oder ein Motorrad.

Für den Truck war die Teilnahme dagegen ein echter Überlebenskampf, der mit viel Aufwand geführt und gewonnen wurde. „Der hatte zwei Begleitfahrzeuge dabei, die die ausgetauschten Batterien während der Fahrt laufend aufluden“, berichtet Putzer. Auch das Motorrad hatte einen Ersatz auf dem Gepäckträger dabei und durfte diesen bei den Truckern mit neuem Strom füttern. „Die Einzelkämpfer hatten sich zusammengeschlossen.“ Das Twike dagegen hatte derartige Auffrischungskuren nicht nötig. „Bei der vierstündigen Ladepause mit Strom aus Wasserkraft zur Hälfte jeder Etappe haben wir uns immer gefragt: und, was mach mer etz?“, lacht Putzer. Er und Wenzl schauten sich einfach die Gegend an und ließen keine Hektik aufkommen.

Im Gegensatz zur Konkurrenz. Der war der Ladestopp oft zu kurz, Batterien überhitzten oder technische Probleme raubten die Nerven. „Wir hatten da die wenigsten Probleme. Beine und Twike funktionierten.“ Ruhig und gelassen fuhren Wenzl und Putzer von München über Füssen, Innsbruck und Bozen nach Rovereto, die „Elektro-Buddhisten“, wie sie ein Journalist betitelte, waren geboren. Bis auf einen fünften Platz waren die beiden nie ganz vorne dabei –am Ende stand mit 37.42 Stunden Rang 16-, aber darum ging es auch nicht: „Es hat Spaß gemacht, mitzufahren, und wir haben bewiesen, dass das Twike effizient und alltagstauglich ist.“

Die Tesla-Flitzer erregten zwar das größte Aufsehen, doch für den Ottonormal-Fahrer wären sie nichts. Aber auch dem Hersbrucker „Anders unterwegs-Team“ flogen die Sympathien der Leute am Straßenrand zu: „Die haben uns immer gefragt, ob wir treten müssen.“ Denn das Wettkampfgefährt verfügt über Steuerhebel und Fahrradpedale, die den bis zu 5 kW starken Antrieb der futuristischen Konstruktion unterstützen. Aber alleine mit den Pedalen wäre es nicht möglich, das Fahrzeug von der Stelle zu bewegen, denn dazu ist das Twike mit einem Leergewicht von 300 Kilogramm einfach zu schwer. „Nein, wir müssen nicht treten, wir können“ war ihre lachende Antwort und schon war man im Gespräch über Elektromobilität.

Nach der zigten Frage dieser Art, begann das nach eigener Aussage lustigste Team der Rallye mit dem Thema zu spielen: Fortan wurde mit schwarzen oder weißen Kompressionsstrümpfen für stramme und schmerzfreie Waden pedaliert – und zwar zur eigenen Fitness und Abwechslung beim Fahren. „Elektro-Autofahrer müssen einfach anders sein“, meint Putzer und da man ein Auto nicht einfach an die Steckdose hängen kann, müssen neue, andere Wege begangen werden.

Dass E-Autos leistungsfähig und für den normalen Pendelverkehr geeignet sind, bewies die Rallye mit ihrer Vielfalt an Fahrzeugen. Ein riesiges Medienaufgebot trug diese Thematik nach außen, um zu zeigen, dass Elektromobilität den Alltag beleben kann. „Das Twike ist sicher nicht das Modell der Zukunft“, weiß Putzer, „aber das der Gegenwart und das haben wir bei der e-miglia bewiesen“.

Andrea Pitsch

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne

Verwandte Artikel

„Die Akkus bei Laune halten“ 6. August 2010
Mit dem Elektroauto über die Alpen 23. Juli 2010