Historische Raritäten auf großer Fahrt

HERSBRUCK — Sekunden vor dem Start stockte seinen Freunden und Bekannten noch kurz der Atem – wehrte sich das Getriebe an seinem Renault R 12 Gordini doch deutlich vernehmbar dagegen, den ersten Gang einzulegen. Doch trotz der Schrecksekunde röhrte Rudolf Linn wie geplant um Punkt 14.16 Uhr vom Hof des Dauphin Speed Event auf das erste Teilstück der 34. Internationalen Rallye Wiesbaden.

1300 Kilometer und 15 herausfordernde Sonderprüfungen warten auf den motorsportbegeisterten Unternehmer aus Hersbruck und seinen Co-Piloten Torsten Stöhr bis Samstagnachmittag. Gestern ging es für die beiden in ihrem von Renault-Werkstuner Gordini veredelten Flitzer mit seinen für damalige Zeiten beachtlichen 83 kW (113 PS) erst einmal via Pommelsbrunn, Weigendorf, Hahnbach und Schnaittenbach nach Waidhaus und Tschechien. Um 22 Uhr stand rund um St. Englmar die dritte und letzte Sonderprüfung des Tages an.

Bevor Linn jedoch an die Startlinie rollen durfte, überprüfte erst einmal ein Team des AvD seinen spartanisch ausgestatteten Renner Baujahr 1972. Geht der Blinker? Das Abblend- und Fernlicht? Und verlieren Motor oder Getriebe auch ja kein Tröpfchen Öl? Beim Blick in den Kofferraum staunte das Technikertrio dann nicht schlecht: Bastler Linn hat dort eigens eine Benzinpumpe eingebaut, die er im Notfall sogar vom Innenraum aus umschalten kann. „So was haben wir ja noch nie gesehen“, zollten die drei diesem Erfindungsreichtum Respekt.

Auch sonst blieb immer wieder ein Fotograf oder Autonarr vor dem im Gordini-typischen Blau lackierten Sportwagen stehen, den es so niemals in Deutschland gab. Von soviel „Aufg schau“ ungerührt vertiefte sich derweil Beifahrer Torsten Stöhr in sein „Roadbook“, in dem die ganze Strecke minutiös aufgelistet ist. Seit 2006 sitzt der im Werk in Eschenfelden beschäftigte Elektriker bei Linn im Wagen, wenn der seiner Rallye-Leidenschaft frönt. Auf einer Dienstfahrt nach München, erzählt er, habe er „den Chef“ damals einfach mal auf den Motorsport angesprochen – und prompt eine Einladung als Co-Pilot zur Geisberg-Rallye erhalten.

Auf einen anderen „alten Bekannten“ musste Rudolf Linn freilich verzichten: Zu seinem Bedauern und zu dem der gegen 14 Uhr recht zahlreich eintrudelnden Motorsportfans musste Walter Röhrl kurzfristig absagen. Der zweifache Rallye-Weltmeister, der mit Startnummer 1 starten sollte, musste am Donnerstag überraschend für seinen Arbeitgeber Porsche in Berlin ein Elektroauto vorstellen. Auf der heute anstehenden Schleife durch Tschechien soll die Motorsportlegende mit seinem 911er zum Feld stoßen, das rund um Klatovy zehn Sonderprüfungen mit einer Gesamtlänge von 215 Kilometern absolvieren muss.

„Immerhin haben wir ja noch den siebenfachen Deutschen Rallyemeister Matthias Kahle im Feld“, entschuldigte sich der Veranstalter bei den enttäuschten Fans. Der eröffnete dann mit seinem Skoda 110 R, Baujahr 1971, die nach 40 Jahren wiederbelebte Traditionsrallye, die am Samstag nachmittag in Wiesbaden zu Ende gehen wird.

Klaus Porta

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