ENGELTHAL / NORDSPANIEN – Der Jakobsweg ist der bekannteste Pilgerweg der Welt. Seit über 1000 Jahren wandern Wallfahrer zum Grab des Apostels Jakobus in der spanischen Stadt Santiago de Compostela. 10000 Wanderer lassen sich alljährlich auf dem Jakobsweg registrieren – heuer war auch Johannes Kayser aus Engelthal dabei. Er war knapp zwölf Wochen auf den Spuren des Jesus-Jüngers unterwegs.
Wer sich als Pilger bezeichnen will, muss mindestens die letzten 100 Kilometer der Strecke zu Fuß oder die letzten 200 Kilometer per Rad zurücklegen. Um dies zu beweisen, werden die einzelnen Stempel der Stationen in einem Pilgerpass verzeichnet, der gleichzeitig zur Nutzung der Herbergen in Spanien benötigt wird. Zeigen die Wallfahrer in Santiago das volle Dokument vor, erhalten sie eine Urkunde, die Compostela. Johannes Kayser aus Engelthal ist stolzer Besitzer einer solchen Urkunde und eines vollen Passes. Allerdings ist er nicht nur die letzten 100 Kilometer gewandert, sondern mehr als 3050 Kilometer. Gestartet ist er fast vor seiner Haustüre, in Würzburg, mit Wanderschuhen an den Füßen und ein 18 Kilogramm schweres Ungetüm von Wanderrucksack auf dem Rücken.
Die ersten 500 Kilometer in Deutschland über Rothenburg, Tübingen, Straßburg, Belfort bis nach Le Puy-en-Velay in der Auvergne war er ziemlich einsam. „Es stimmt, je näher Santiago kommt, desto mehr und mehr Pilger sind unterwegs“, erzählt der 19-Jährige. Auf der französischen Rheinseite angekommen, merkte er allerdings, wie allein und verloren er in dem fremden Land ist, dessen Sprache er nicht spricht. Dennoch findet er, dass die Strecke durch Frankreich eine der schönsten Strecken ist, denn der Jakobsweg verläuft hier über grüne Wiesen und Hochebenen, vorbei an erloschenen Vulkanen, durch wilde Schluchten und Weinbaugebiete.
„Man läuft und läuft und genießt die Landschaft. Nach gewisser Zeit tun dann die Füße weh. Aber das Vorankommen ist wichtiger, deswegen läuft man weiter“, sagt Johannes.
Beim Wandern sind die Pilger meistens alleine. Natürlich treffen sie immer wieder Leute, die das gleiche Ziel haben, aber gemeinsam unterwegs sind die Wallfahrer weniger. „Jeder hat sein eigenes Tempo, deswegen läuft jeder alleine. Abends oder mittags trifft man sich dann aber wieder“, erklärt der Engelthaler. Er weiß auch, dass heute nur jeder Zweite aus rein religiöser Überzeugung pilgert: „Die meisten wandern, um sich nur auf sich zu konzentrieren und dem Stress des Alltags zu entfliehen. Das Leben ist reduziert auf Essen, Schlafen und Wandern, man bekommt nichts vom Weltgeschehen mit“.
Eine uralte Sehnsucht der Menschen: Aufzubrechen aus dem Alltagstrott, Bekanntes hinter sich zu lassen, neue Wege zu suchen, um über Umwege doch ans Ziel zu gelangen. Schon im Mittelalter pilgerten die Menschen. „Man schaltet ab und kriegt den Kopf frei. Das stärkt und gibt Kraft“, sagt der 19-Jährige. „Mir wurde dadurch erst bewusst, wie wichtig Familie und Freunde eigentlich sind“. Dennoch hat er sich zu Hause kaum gemeldet: „Ich wollte ja auf mich allein gestellt sein, etwas anderes machen, in mich reinhorchen und mich selber finden. Da ist Abstand wichtig“, erzählt er.
Gelangweilt aber hat sich Johannes auf seiner Pilgertour nicht. Morgens um fünf klingelte der Wecker. Dann verstaute er alle seine Habseligkeiten schnell im Rucksack, putzte Zähne und frühstückte. Danach lief er los. Er musste sich auf Markierungen verlassen, die er in der Dunkelheit fast nicht sah, begegnete sogar zwei Dachsen und war der Natur bei jedem Wetter ausgeliefert. „Aber mit dem nötigen Durchsetzungswillen gewöhnt man sich auch daran“, erzählt Johannes und berichtet von seinen Fortschritten: „In Deutschland habe ich nur 25 Kilometer am Tag geschafft, in Spanien waren es dann durchschnittlich 35 Kilometer am Tag“.
Am späten Nachmittag ging meist die Suche nach der Herberge los. In Deutschland war das noch ziemlich einfach, in Spanien bekam Johannes aber schon die eine oder andere Absage. Dann breitete sich erstmal Panik aus und die Frage „Wo schlaf ich denn jetzt heute Nacht?“ schoss ihm durch den Kopf. Aber oft traf der Engelthaler kurz darauf jemanden, der ihn zu sich einlud. Johannes schmunzelt: „Einmal habe ich auch außen geschlafen. Das ist aber nicht zu empfehlen. Es war so kalt und am nächsten Morgen waren alle meine Sachen nass.“
Doch sein Motto ist: „Aufgeben ist nicht drin“. Das musste er auch beweisen, als er in den Montes de León, einem Gebirge im Nordwesten von Spanien, unterwegs war. Dort erklomm er den Monte Irago, auf dessen Spitze das Cruz de Ferro steht, ein kleines Eisenkreuz, das auf einen Baumstamm montiert, den höchsten Punkt des spanischen Jakobsweges markiert. Das Kreuz steht in einem Steinhaufen, der von den Pilgern stetig vergrößert wird, indem sie von zu Hause mitgebrachte Steine als Symbol der auf dem Weg hinter sich gelassenen „Sünden” ablegen. Viele Wallfahrer nutzen das Cruz de Ferro auch, um am Baumstamm des Kreuzes Briefe oder gar persönliche Sachen wie Schuhe, Fahrradtrikots, Helme oder Bilder anzubringen. Weil er keinen Stein dabei hatte, hinterließ Johannes seine Einlagen, die er schließlich auch von Anfang an mit sich rumschleppte.
Doch der Jakobsweg besteht nicht nur aus psychischen und physischen Herausforderungen, sondern hat auch Köstlichkeiten zu bieten. Den Fuente de Irache zum Beispiel. Der berühmte Weinbrunnen in der Nähe der Kleinstadt Estella, den das ehemalige Kloster Irache installiert hat, besitzt zwei Hähne, an denen sich die Pilger mit Trinkwasser oder einem Schluck Wein stärken können.
Nach 86 Tagen Wandern erreichte Johannes schließlich das Ziel des Jakobsweges, die Kathedrale von Santiago de Compostela, die über einer Grabstätte, die dem Apostel Jakobus zugeschrieben wird, steht. Jedoch gilt vielen Jakobspilgern das Kap Finisterre (wörtlich: Ende der Welt) als das eigentliche Ende des Jakobsweges. So setzen die meisten Wanderer ihren Weg von Santiago dorthin fort. Auch Johannes pilgerte noch dieses Stück weiter. Erst danach setzte er sich, mit Erfahrungen gestärkt, in das Flugzeug Richtung Heimat. Zuhause angekommen, beschloss er: „Irgendwann mache ich das nochmal!”
Carina Enhuber
Verwandte Artikel











